Adventstage bei Brot und Kerzenschein

Ich wünsche einen angenehmen Abend. Mit den nachfolgenden Worten möchte ich euch von den vergangenen zwei Monaten erzählen, deren Ereignisse mit immerdar währender Tinte in das Buch der Erinnerungen geschrieben wurden. Lasst mich euch erzählen vom Leben in Wald und Jurte, köstlicher traditioneller englischer Küche (japp, ihr habt richtig gelesen) und hart arbeitenden, liebevollen Menschen.

Auf meiner Reise durch die östlichen Provinzen Canadas begann ich um Oktober herum nach einem Ort zu suchen, wo ich den Winter verbringen konnte. Die Winter in Canada sind bekanntlich hart und lang – und ebenso fordernd wie unvergesslich. Meine Liebe für diese Jahreszeit hatte mich im Januar letzten Jahres in den atemberaubenden Yukon geführt und ich war fest entschlossen auch diesen Winter wieder viel beschneite Gebiete aufzusuchen. Ich hatte keinen genauen Plan wohin ich reisen wollte; mit neugierigem Blick schaute ich mich nach dem Einzigartigen, Besonderen und Unvergesslichen um. Etwas, was ich nur in Canada erleben konnte. Und so kam es, dass ich zu Beginn des November meine Schritte in eine kleine Gemeinde mit dem wohl klingenden Wolfville lenkte. Der Name dieses Ortes, in Nova Scotia gelegen, hatte mich vom Klang her von jenem ersten Moment an fasziniert, als er mir zufällig beim Durchblättern meines Lonely Planet ins Auge fiel. In Wolfville habe ich – dessen bin ich mir sicher – einen der kleinen, abseits des Weges gelegenen Schätze gefunden, die nur wenige Reisende zu Gesicht bekommen. Die kleine Stadt ist inmitten des Annapolis Valley gelegen und in Canada berühmt für seine Äpfel, Früchte, Gemüse und Bauernmärkte im Allgemeinen. Ein kleiner Ort, bestehend aus einer Hauptstraße, zwei drei Cafés und einer Hand voll Geschäfte. Was Wolfville von vielen anderen Gemeinden im Valley – wie die Einheimischen die Gegend nennen – unterscheidet, ist die Acadia University. Die Universität genießt sowohl national als auch international einen guten Ruf und ist dementsprechend begehrt und teuer. Die knapp 2ooo Studenten prägen maßgeblich das Stadtbild der Stadt. Den zweiten Teil der Bevölkerung stellen die Einheimischen und Bauern dar; die Locals. Ein ruhiges, munteres Völkchen mit teilweise schottischen und irischen Wurzeln. Die Stadt hat sich ganz dem Leben in der Community verschrieben, was sich unter anderem am wöchentlichen Markt zeigt.

Jeden Samstag fand ein in der ganzen Gegend bekannter Farmers Market statt, an dem man Freunde auf einen Kaffee traf und sich die feil gebotenen Handwerkswaren sowie fische Nahrungsmittel aus der Umgebung näher anschaute. Äpfel und Birnen in Kisten stapelten sich neben Roten Rüben, Salaten und Süßkartoffeln. Bäcker aus Germanischen, Fränkischen und Östlichen Landen boten ihre Brote und Kuchen zum Verkauf an. Der Duft von handgefertigten Bienenwachskerzen hing in der Luft. Kinder huschten zwischen den Beinen der Marktbesucher umher, ein allgemeines Gemurmel und Gelächter erhob sich in den Hallen. Örtlicher Klatsch und Tratsch wurde ausgetauscht, nebenbei lauschte man der Live Musik von der Bühne. Hin und wieder wurde auf dieser auch ein traditioneller oder moderner Tanz aufgeführt, der die Blicke der Anwesenden auf das Podium fesselte. In meiner Zeit in Wolfville wohnte ich dem Farmers Market jede Woche bei und spürte dabei wie stark die Verbindung der örtlichen Community war. Die Menschen legten großen Wert auf Biologische Güter, Fair Trade und die Unterstützung der lokalen Geschäfte. Wolfville ist sicherlich von keinem großem Interesse für Touristen, denn abgesehen von einigen netten Wanderungen gibt es hier wenig zu sehen oder zu tun. Der Reiz der Ortschaft liegt voll und ganz darin hier eine längere Zeit zu verbringen und sich einzuleben. Über das wwoofing Netzwerk [Link] hatte ich hier eine junge Familie gefunden bei denen ich für Unterkunft und Verpflegung arbeiten würde.

Zu Beginn des November 2oo9 traf ich bei meinen Gastgebern ein, die in einem kleinen Haus im Gaspereau Valley nahe Wolfville leben. In dem kleinen Familienbusiness Little Foot Yurts [Link], welches man so sehr in Nova Scotia erwarten würde wie Schnee in den Fürhlingsmonaten, fand ich Ruhe und Abgeschiedenheit, neue Freunde und wunderbare Menschen, Arbeit und ein Dach über dem Kopf. Ein ganz besonderes Dach, wohlgemerkt. Alex und Selene Cole haben zweifelsohne ihre wahre Berufung gefunden. Sie bauen Jurten im alten traditionellen Stil der Mongolen, wie zu den Zeiten Dschingis Khans. In South Wales bauten sie erstmals ein Rundhaus aus dem Eisenzeitalter nach, weitere Bauprojekte folgten. Nach und nach lernten Alex und Selene mehr über die Gebäude längst vergangener Kulturen – und die Jurte weckte ihre Leidenschaft. Little Foot Yurts baut Jurten auf Nachfrage, verleiht sie und richtet Hochzeiten in den alten Holzstrukturen aus. Ich kam also an diesen besonderen Ort und fand ein Dreigespann von Familie vor, das auf chaotische und zugleich unheimlich liebevollen Art und Weise gemeinsam am Wagen des Familienunternehmens zog. Alex, aus Britannien stammend, war gelernter Chef und vermochte wohlschmeckende Gerichte am Ende eines arbeitsreichen Tages auf den Tisch zu zaubern. Er war extrem chaotisch und schaffte es irgendwie immer wieder aus einem Haufen Crap etwas nützliches zu bauen. Selene, ursprünglich aus Winnipeg kommend, ist so ziemlich genau das Gegenteil von Alex und hat alles ganz gerne geordnet. Beide arbeiteten in einer Mischung aus Chaotik und Ordnung zusammen bei der am Ende meistens genau das heraus kam was heraus kommen sollte. Verwunderlich. Erstaunlich. Und hin und wieder zum Schmunzeln. Seit Februar vergangenen Jahres haben Alex und Selene eine kleine Tochter mit dem schönen Namen Yara. Sie ist nun etwa acht Monate alt und erfüllte das Familienleben in Little Foot Yurts mit noch mehr Energie und Lebensfreude.

Die Arbeit bei dem Familienunternehmen war hart; es gab stets etwas zu tun…eigentlich immer mehr als man zunächst annahm. Am Tag arbeitete ich meistens mit Alex zusammen. In den ersten zwei Wochen half ich ihm das alte Haus für den kommenden Winter vorzubereiten. Es galt Kamin und Ofen zu versetzen (!) sowie das Wassersystem zu reparieren. Nachdem dies getan war konnten wir mit dem beginnen was wir beide unheimlich gerne taten: Mit Holz arbeiten. Wir fällten Bäume in den Akadischen Wäldern und zwei Mal schlugen wir in einem anderen Waldgebiet unsere Jurtenzelte auf um dort Stangen für neue Jurten zu suchen. Das zweite Mal blieben Alex, ich und ein weiterer wwoofer nahezu eine ganze Woche in den Wäldern wo wir arbeiteten. Alex war und ist Kundiger in der alten Kunst des „Coppiceing“. Dabei handelt es sich um eine spezielle Methode, nach der man jedes Jahr alle Bäume in einem kleinen Gebiet eines Waldes fällt. Im darauf folgenden Jahr fällt man die Bäume in einem angrenzenden Gebiet gleicher Größe. Durch das einfallende Licht wachsen die neuen Bäume rasch heran und die Tierwelt finden weiterhin Unterschlupf im angrenzenden Wald. Je nach der Baumsorte – und dem damit verbundenen Zyklus – kann man auf diese Art und Weise eine sich selbst erneuernde Quelle an Feuerholz und gegebenenfalls Jurtstangen genießen, die zudem die umliegende Natur in keinster Weise schädigt. Einst wurde in ganz England Coppiceing betrieben, doch das Wissen darum ging mit der Industrialisierung mehr und mehr verloren. Für Nova Scotia, in dem viele Häuser außerhalb der Städte mittels Holzöfen betrieben werden, stellt Coppiceing eine hervorragende Möglichkeit für das Beschaffen von Holzfeuer dar. Alex liebt die Wälder und Holz. Es war eine Freude mit ihm Zeit zu verbringen und zu arbeiten. Neben der Arbeit in den Wäldern, dem Entrinden der Stämme für die Jurtstangen und dem Auf- und Abbauen von Jurten habe ich oft auch auf Yara aufgepasst. Sie ist ein sehr glückliches Kind und wir hatten eine hatten eine Menge Spaß gemeinsam! Mitunter begann sie ihre ersten Wörter zu sprechen; Alex und ich unterhielten uns bei der Arbeit manchmal mit kleinen Insider- Witzen, die man auf Yaras Kinderbücher und ihre Worte zurückführen konnte. („Can you do it?“ – „I can do it!“) In meinen zwei Monaten bei Little Foot Yurts bin ich einer Vielzahl unterschiedlichster Tätigkeiten nachgegangen und habe viel Neues gelernt.

Während dieser Zeit lebte ich in einer 17′ foot Yurt, die Alex und ich gemeinsam errichteten. Die Jurte befand sich auf einer Anhöhe inmitten der Akadischen Wälder; lediglich einen kurzen munteren Fußmarsch vom Haus und den beiden Scheunen entfernt. Dieser Platz, die Jurte, wurde für zwei Monate lang zu meinem zu Hause. Ich genoss die Ruhe und Abgeschiedenheit, das Knistern des abendlichen Feuers im Kamin und den Schnee, der die umliegenden Wälder in ein friedliches Weiß hüllte. Mit großem Spaß hackte ich jeden Tag Feuerholz für die Nacht und brachte Trinkwasser den Hügel herauf. Und auch wenn die Mäuse mir in den ersten Nächten den Schlaf raubten, so trafen wir schon bald ein vorzügliches Arrangement welches Schlaf und Würmereinlagerung zu beider Seiten Zufriedenheit garantierte. Hin und wieder fegte ein Sturm über die Jurte hinweg und diese Augenblicke waren es, in denen ich mich am meisten heimisch fühlte. Denn unabhängig von der Stärke des Windes hielt die Jurte stand.

In dieser meiner neuen Heimat war es, in der ich die Heilige Adventszeit erlebte. Dieser Advent, der erste fern von heimischen Gefilden, war von einem himmlischen Frieden erfüllt. Meine liebe Familie hatte mir von zu Hause einen Adventskalender geschickt dessen Bilder ich jeden Morgen mit dem größten Vergnügen bei Tee und Honigbrot (oder einem typisch- amerikanischen Mandelbutter- Brot) öffnete. Ich genoss die kalten Dezembertages sehr, bei Brot und Kerzenschein. Meine Familie überbot sich immer wieder selbst erfolgreich mit Paketen, Briefen und Postkarten. Sie haben sich sehr bemüht einen Hauch von österreichisch- katholischer Tradition über den großen Ozean bis hier her nach Canada in meine Jurte zu bringen. Sie machten diese ohnehin schon besonderen Adventstage mit ihren liebevollen Gesten auf ewig unvergesslich. Und dafür Danke ich ihnen von Herzen. Es war eine wunderbare, friedliche Zeit.

Nun liegen die Adventstage und das Heilige Christfest hinter uns. Ich wünsche einem jeden von euch, die ihr diese Zeilen lest, wunderbare Dezembertage im Alten Jahr und wundervolle Januartage im Neujahr. Mögen eure Tage erfüllt sein mit friedvollen Momenten, wunderschönen Augenblicken und fröhlichem Gelächter. :)

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